Experteninterview mit Prof. Dr. Uwe Gieler, Gießen 

Thema: Krankheitsbelastung bei Rosacea

Professor Dr. Uwe Gieler ist Hautarzt und Psychodermatologe am Universitätsklinikum in Gießen. Der Experte auf dem Gebiet Haut und Psyche hat langjährige Erfahrung mit der Krankheitsbelastung bei Rosacea und ist Co-Autor der weltweiten Online-Befragung „Rosacea: Beyond the visible“.
Im Interview erläutert Prof. Gieler die wichtigsten Ergebnisse dieser Studie zu den psychosozialen Auswirkungen der chronischen Hautkrankheit Rosacea und erklärt, wie die Krankheitsbelastung für Betroffene verringert werden kann.

Prof. Gieler
„Rosacea: Beyond the visible” ist eine weltweite Online-Umfrage, die in sechs verschiedenen Ländern – Frankreich, Deutschland, Italien, England, Kanada und USA – durchgeführt wurde. Dabei wurden über 700 Patienten und 550 Hautärzte befragt. Das Ziel der Umfrage war es herauszufinden, wie groß die Krankheitsbelastung für Rosacea-Patienten im Alltag ist. Die Umfrage erfolgte sowohl telefonisch als auch schriftlich mit einem Online-Fragebogen. Patienten, die an der Studie teilnahmen, mussten folgende Eigenschaften erfüllen: zwischen 18 und 70 Jahre alt sein und eine vom Hautarzt diagnostizierte und bestätigte Rosacea-Erkrankung haben. Zudem mussten alle Patienten innerhalb der letzten 12 Monate eine Behandlung mit einem vom Arzt verschriebenen Rosacea-Medikament durchgeführt und mindestens zweimal denselben Hautarzt wegen ihrer Rosacea aufgesucht haben.

Prof. Gieler
Die Lebensqualität war bei den befragten Rosacea-Patienten sehr stark beeinflusst. Rund ein Drittel gab an, dass die Rosacea-Symptome einen sehr großen Einfluss auf ihr Leben haben. Dagegen fühlte sich nur ein kleiner Anteil der Patienten gar nicht durch die Rosacea beeinflusst. Auffallend dabei ist, dass je stärker die Symptome waren, desto schwerwiegender war auch die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigt. Bemerkenswert ist auch das Ergebnis zum Einfluss der Rosacea auf den Beruf: 55 % der Patienten gaben an, dass unter der Rosacea ihre Produktivität am Arbeitsplatz leidet. Und deutlich über 80 % der Patienten haben ihr Leben und ihre Verhaltensweisen geändert, um die Rosacea besser in den Griff zu bekommen.

Prof. Gieler
Es gibt eine beeindruckend lange Liste an Verhaltensänderungen der befragten Patienten. Dabei standen die Vermeidung von Sonne (50 %) sowie der Verzicht auf Alkohol (33 %) und scharf gewürztes Essen (26 %) an erster Stelle. Diese typischen Triggerfaktoren der Rosacea spielen bei vielen Patienten eine Rolle, insofern ist eine derartige Anpassung des Lebensstils in vielen Fällen sinnvoll. Interessant ist aber auch die Tatsache, dass nur 14 % der Befragten angaben, gar nichts an ihrem Leben geändert zu haben.

Prof. Gieler
Zur Therapie gab es spannende, aber leider gleichzeitig auch ernüchternde Ergebnisse. 82 % der Patienten gaben an, dass die Rosacea durch ihre aktuelle Therapie nicht vollständig kontrolliert wird. Das ist natürlich ein eher trauriges Resultat. Zudem berichteten knapp 60 % aller Patienten, dass sie trotz Therapie dauerhaft an sichtbaren Symptomen leiden und 87 % teilten mit, dass sie regelmäßig Krankheitsschübe haben. Aber die Umfrage hat in Punkto Behandlung auch positive Ergebnisse gezeigt, vor allem für Patienten die vollständig erscheinungsfrei waren, also keinerlei Symptome wie Rötungen, Papeln oder Pusteln mehr aufweisen. Man nennt diesen Hautzustand auch CLEAR. Dabei gaben zwei Drittel aller vollständig erscheinungsfreien Patienten an, dass die Krankheit keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf ihre Lebensqualität hat.

Prof. Gieler
Die Umfrageergebnisse belegen deutlich, dass Patienten, die CLEAR sind, in vielen Punkten profitieren: Fast die Hälfte der vollständig erscheinungsfreien Patienten gaben in der Umfrage an, dass die Rosacea keinerlei Einfluss mehr auf das Leben und die Lebensqualität hat. Bei den „fast erscheinungsfreien“ Patienten, die nur noch wenige Symptome aufweisen, konnten dies nur 30 % bestätigen. Zwischen vollständig erscheinungsfreien und fast erscheinungsfreien Patienten liegt also noch ein Unterschied von fast 20 %. Desweiteren hat die Umfrage gezeigt, dass erscheinungsfreie Patienten seltener ihr Verhalten anpassen und, dass die Arbeitsproduktivität nur noch bei wenigen Patienten beeinflusst ist. Außerdem sind diese vollständig erscheinungsfreien Patienten zufriedener mit ihrer Therapie und müssen weniger Zeit in ihre Hautpflege investieren.

Prof. Gieler
Entscheidend sind zwei Dinge: Patienten müssen lernen, ihre vom Hautarzt verordnete Therapie konsequent und langfristig anzuwenden. Nur so haben sie eine Chance, erscheinungsfrei zu werden, und können dann von einer deutlich besseren Lebensqualität profitieren. Um dieses Therapieziel CLEAR erreichen zu können, ist es zudem sehr wichtig, dass Patienten und Ärzte regelmäßig über die Krankheit sprechen. Denn oft ist es auch so – das hat die Studie auch gezeigt –, dass Ärzte die Rosacea-typischen Symptome wie Rötungen, Papeln und Pusteln als belastend ansehen, die Patienten selbst aber besonders auch unter den nicht sichtbaren Symptome wie Schmerzen, Brennen, Stechen, Juckreiz oder auch der trockenen Haut leiden. Nur wenn hierzu ein regelmäßiger Austausch zwischen Patient und Arzt stattfindet, können Medikamente und Hautpflege vom Hautarzt individuell passend verordnet werden.


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